Die kurze Antwort vorweg, damit sie nicht untergeht: Ja, mit einem Keyboard kannst Du anfangen. Niemand muss sich erst ein teures Instrument in die Wohnung stellen, bevor die erste Stunde überhaupt losgeht. Aber die drei Instrumente sind eben doch verschieden, und es lohnt sich zu verstehen, worin sie sich unterscheiden. Denn wenn die musikalische Reise weitergeht, macht dieser Unterschied irgendwann sehr wohl etwas aus.
Wo die drei eigentlich herkommen
Am Anfang war das Klavier, und zwar buchstäblich. Um 1700 baute ein Italiener namens Bartolomeo Cristofori in Florenz das erste funktionierende Instrument, bei dem kleine Hämmerchen von innen gegen die Saiten schlagen, sobald man eine Taste drückt. Das Besondere daran: Je nachdem, wie kräftig man anschlug, wurde der Ton leiser oder lauter. Vorher, beim Cembalo, klang jeder Ton gleich laut. Cristofori nannte seine Erfindung deshalb „gravicembalo col piano e forte", also Cembalo mit leise und laut. Aus „piano e forte" wurde später einfach das Pianoforte, und daraus das Klavier, wie wir es heute kennen.1 Dieses „leise und laut" ist übrigens kein Detail, sondern das Herzstück des ganzen Instruments. Merk Dir das kurz, es kommt gleich noch mal.
Rund zweieinhalb Jahrhunderte lang blieb das so. Erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts kam der Strom ins Spiel. In den Vierzigern bastelte der Amerikaner Harold Rhodes ein erstes elektrisches Piano, ab 1955 baute die Firma Wurlitzer ihre berühmten E-Pianos in Serie.2 Diese Instrumente erzeugten den Ton noch mechanisch, über kleine Metallzungen, und nahmen ihn elektrisch ab, ähnlich wie eine E-Gitarre. Sie klangen ganz eigen, warm und leicht glockig, und prägten den Sound unzähliger Soul- und Popplatten.
Der letzte große Sprung kam mit der digitalen Technik. Ende der Siebziger tauchten die ersten Synthesizer mit Klaviatur auf, und 1983 brachte Yamaha mit der Clavinova-Reihe die Digitalpianos in die Wohnzimmer.3 Ab da war der Klang nicht mehr mechanisch erzeugt, sondern gespeichert und abgespielt. Genau in dieser Familie leben heute die zwei Geräte, um die es beim Anruf meistens geht: das Digitalpiano und das Keyboard.
Das Klavier, das Original
Ein akustisches Klavier ist bis heute das Maß der Dinge, und das aus gutem Grund. Es hat 88 Tasten, den vollen Tonumfang, den die Klavierliteratur überhaupt verlangt. Vor allem aber hat es einen echten Anschlag: Hinter jeder Taste sitzt eine kleine Mechanik mit einem Hämmerchen, und dieses Gewicht spürst Du in den Fingern. Das ist die berühmte Anschlagsdynamik in ihrer reinsten Form. Du kannst einen Ton hauchzart anschlagen oder mit voller Kraft, und dazwischen liegen unendlich viele Abstufungen. Genau dort passiert die Musik. Wer auf einem guten Klavier oder Flügel spielt, lernt von der ersten Stunde an, mit diesem Gefühl umzugehen.
Die Kehrseite ist praktischer Natur. Ein Klavier ist groß, schwer und nicht billig, und es will regelmäßig gestimmt werden. Und es ist laut. Wer um zehn Uhr abends noch üben will oder in einer hellhörigen Wohnung wohnt, hat es damit nicht leicht. Ein echtes Klavier ist ein wunderbares Instrument, aber es ist auch eine Entscheidung, die Platz und Ruhe braucht.
Das E-Piano, der klug gewählte Kompromiss
Wenn heute jemand vom „E-Piano" spricht, meint er fast immer ein Digitalpiano, also den modernen digitalen Nachfahren, nicht die alten Röhren-Instrumente von Wurlitzer. Und dieses Digitalpiano ist ein richtig durchdachter Kompromiss. Ein gutes Modell hat wie das echte Klavier 88 Tasten, und diese Tasten sind gewichtet. Das heißt, sie haben einen spürbaren Widerstand, der die Hammermechanik eines echten Klaviers nachahmt. Der Anschlag fühlt sich also fast so an wie beim Original, und die Anschlagsdynamik ist voll da.
Dazu kommen die Vorteile der digitalen Welt. Du kannst Kopfhörer anschließen und mitten in der Nacht spielen, ohne jemanden zu stören, was ein Digitalpiano zum idealen Instrument für die Wohnung macht. Es muss nie gestimmt werden, es ist leichter als ein Klavier, und meistens hat es neben dem Klavierklang noch weitere Sounds an Bord, von Streichern bis zur Orgel. An das körperliche Erlebnis eines echten Flügels, an dem der ganze Korpus mitschwingt, reicht auch das beste Digitalpiano nicht ganz heran. Aber für das tägliche Üben zuhause ist es eine hervorragende Lösung.
Das Keyboard, der einfache Einstieg
Und dann ist da das Keyboard, das die meisten Familien schon irgendwo im Schrank haben. Ein Keyboard ist leicht, günstig und vollgepackt mit Möglichkeiten: hunderte Sounds, eingebaute Rhythmen, oft eine kleine Begleitautomatik. Zum Ausprobieren und für die ersten Schritte ist das großartig, und genau deshalb sage ich am Telefon nie „damit geht das nicht".
Man sollte nur wissen, wo die Grenzen liegen. Viele Keyboards haben nur 61 Tasten statt 88, es fehlen also die äußersten hohen und tiefen Bereiche. Die Tasten sind meist nicht gewichtet, sie fühlen sich leichter und ein bisschen nach Plastik an. Und der wichtigste Punkt: Nicht jedes günstige Keyboard hat Anschlagsdynamik. Fehlt sie, klingt jeder Ton gleich laut, egal wie Du drückst, und damit fehlt genau das „piano e forte", mit dem die ganze Geschichte des Instruments angefangen hat. Wenn Du ein Keyboard zum Starten nutzt, achte deshalb wenigstens darauf, dass es anschlagsdynamisch ist. Das steht meist klar in der Beschreibung.
Ein Keyboard ist ein prima Ort, um anzufangen. Es ist nur selten der Ort, an dem man bleibt.
Womit soll ich jetzt anfangen?
Jetzt zur eigentlichen Frage, die hinter dem Anruf steckt. Und meine Antwort ist ehrlich zweigeteilt. Am Anfang ist es gar nicht so wichtig, worauf Du spielst. In den ersten Wochen und Monaten geht es darum, das Instrument kennenzulernen, die Finger zu sortieren, die ersten Melodien zu spielen, ein Gefühl für Noten und Rhythmus zu bekommen. Dafür reicht ein Keyboard mit Anschlagsdynamik völlig aus. Ich möchte niemandem eine Anschaffung aufreden, bevor überhaupt klar ist, ob der Funke überspringt.
Aber die Reise geht ja weiter, und das ist der zweite Teil der Antwort. Sobald die Stücke anspruchsvoller werden, meldet sich das kleine Keyboard von selbst. Auf einmal reichen die Tasten hinten und vorne nicht mehr, weil ein Stück den vollen Tonumfang braucht. Oder ein Stück lebt vom feinen Wechsel zwischen laut und leise, und auf ungewichteten Tasten lässt sich das kaum umsetzen. Ich erlebe außerdem oft, dass die Kinder es selbst spüren. Sie kommen an einen Punkt, an dem sie hören, dass ihr Instrument ihrem Können nicht mehr ganz folgt, und dann wächst ganz von allein der Wunsch nach etwas Besserem. Das ist kein Rückschlag, im Gegenteil, es ist ein schönes Zeichen von Fortschritt.
Für die meisten Familien ist das Digitalpiano dann der natürliche nächste Schritt: 88 gewichtete Tasten, echte Anschlagsdynamik, leise per Kopfhörer, bezahlbar. Wer den Platz und die Möglichkeit hat, macht mit einem akustischen Klavier natürlich nichts falsch. Beides trägt Dich sehr weit. Ein günstiges Mini-Keyboard hingegen ist irgendwann einfach ausgereizt. Wenn Du also überlegst, direkt etwas anzuschaffen, ist ein Digitalpiano meiner Erfahrung nach die klügste Investition, weil es lange mitwächst. Wenn nicht, fängst Du eben mit dem an, was da ist. Beides ist völlig in Ordnung. Wie das Üben dann leicht von der Hand geht, ist übrigens ein eigenes Thema, dazu habe ich hier etwas geschrieben.
Warum wir bei ARTIQ am echten Klavier lernen
Einen Punkt möchte ich noch loswerden, weil er vielen die Entscheidung leichter macht. Ganz gleich, was bei Dir zuhause steht, im Unterricht bei der ARTIQ Musikschule in Mainz-Finthen sitzt Du an einem echten Klavier. Der Unterricht findet in meinem Tonstudio statt, und dort lernst Du von Anfang an auf dem Original, mit allem, was dazugehört: echter Anschlag, echte Dynamik, echter Klang. Du bekommst also das richtige Gefühl in die Finger, auch wenn Du zuhause zunächst auf einem Keyboard weiterübst.
Das nimmt der ganzen Instrumentenfrage die Schwere. Du musst nicht erst das perfekte Instrument besitzen, um gut anzufangen. Du fängst an, findest heraus, ob es Dir Freude macht, und wächst dann Schritt für Schritt in das passende Instrument hinein. Welches das am Ende ist, klären wir ganz entspannt gemeinsam. Und falls Du Dir vorher noch unsicher bist, ob Klavier überhaupt das Richtige für Dich ist, findest Du hier meine Gedanken zur Instrumentenwahl.
Quellen
- The Metropolitan Museum of Art. The Piano: The Pianofortes of Bartolomeo Cristofori (1655–1731). metmuseum.org
- Encyclopædia Britannica. Electronic instrument. britannica.com
- Yamaha Corporation. History of Clavinova. yamaha.com