Kaum eine Frage höre ich öfter, wenn Eltern oder Erwachsene über einen Start nachdenken: Welches Instrument soll es sein? Ich kann sie ganz gut beantworten, weil ich von zwei Seiten draufschaue. Hauptberuflich bin ich Pianist, aber ich bin auch Cellist, und diese beiden Instrumente könnten sich kaum fremder sein. Vorweg meine ehrliche Meinung: Das eine perfekte Instrument für alle gibt es nicht. Aber es gibt ein richtig gutes, um überhaupt anzufangen.

Wie man zu seinem Instrument findet

Den meisten von uns begegnet Musik lange, bevor sie ein Instrument in der Hand halten. Es fängt im Kindergarten an, wenn zusammen gesungen wird, geht in der Grundschule weiter, wo man im Musikunterricht das erste Mal gemeinsam musiziert und Instrumente ausprobiert, und manchmal kommt noch die musikalische Früherziehung dazu, bei der Kinder ganz spielerisch das ganze Spektrum kennenlernen. Oft hat man da schon eine leise Ahnung, weil man eine bestimmte Musikrichtung liebt oder eine bestimmte Musikerin oder einen bestimmten Musiker toll findet, und weiß ungefähr, in welche Richtung es gehen könnte. Und dann gibt es diese Momente, meist in der Schule, die einem die Chance geben, sich ernsthaft mit einem Instrument zu befassen. Die Streicher- und die Bläserklasse zum Beispiel.

An meine eigene Entscheidung erinnere ich mich noch genau. Für mich war sofort klar, dass ich in die Streicherklasse wollte, nur welches Instrument, das wusste ich nicht. Am Ende war es reiner Zufall: Mein Sitznachbar, ein guter Freund, entschied sich fürs Cello, und ich dachte mir, dann mache ich das eben auch. Im Nachhinein war das die perfekte Wahl, weil ich schnell gemerkt habe, wie sehr ich dieses Instrument liebe. Für den Nächsten ist es die Geige, für die eine die Bratsche, für den anderen die Tuba oder das Horn. Genau deshalb finde ich es so wichtig, überhaupt erst einmal verschiedene Instrumente auszuprobieren.

Es gibt kein objektiv bestes Instrument

Was ich damit sagen will: Das richtige Instrument ist eine sehr persönliche Sache. Es hängt an Deinem Geschmack, an Deinem Körpergefühl, manchmal an einem reinen Zufall. Und das ist auch gut so. Viel wichtiger als die Frage, welches Instrument objektiv das beste ist, ist nämlich die Frage, bei welchem Du dranbleibst. Denn das ist der eigentliche Knackpunkt: Eine große Langzeitstudie mit Jugendlichen in Deutschland und Großbritannien hat gezeigt, dass rund die Hälfte von ihnen bis zum 17. Lebensjahr wieder mit dem Musizieren aufhört.1 Wer ein Instrument findet, das sich richtig anfühlt, und früh die Erfahrung macht, dass es Freude bringt, gehört mit größerer Wahrscheinlichkeit zur anderen Hälfte.

Warum das Klavier ein perfekter Anfang ist

Und trotzdem, bei aller Liebe zum Cello, halte ich das Klavier für einen der besten Startpunkte überhaupt. Der Grund ist einfach und hat viel mit dem Gefühl der ersten Wochen zu tun. Am Klavier hast Du fast sofort ein Erfolgserlebnis. Du drückst eine Taste, und es kommt ein sauberer, schöner Ton. Kein Kratzen, kein Quietschen, nichts, was erst mühsam gezähmt werden muss. Schon in der ersten Stunde kannst Du eine kleine Melodie spielen, die tatsächlich nach Musik klingt.

Das klingt banal, ist psychologisch aber enorm wichtig. Der beste Vorhersagewert dafür, wie gut jemand ein Instrument am Ende spielt, ist nämlich weder das Talent noch allein die Übezeit, sondern das Selbstvertrauen, also das eigene Zutrauen, es zu schaffen.2 Und dieses Zutrauen wächst vor allem aus frühen Erfolgen. Gerade heute, wo wir gewohnt sind, dass alles schnell geht, und die Geduld für langsame Fortschritte oft fehlt (mehr dazu im Artikel übers richtige Üben), ist so ein sofortiges Erfolgserlebnis Gold wert. Es hält Dich bei der Stange, bis die kniffligeren Dinge kommen.

Der große Unterschied: den Ton selbst erzeugen

Hier liegt der zentrale Unterschied zwischen dem Klavier und einem Streich- oder Blasinstrument. Am Klavier ist der Ton schon fertig, sobald Du die Taste drückst. Es geht also gar nicht darum, dem Instrument einen schönen Ton zu entlocken, das schafft jeder auf Anhieb. Beim Cello dagegen, und das weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu gut, geht es in den ersten Monaten überhaupt erst einmal darum, einen anständigen Ton zustande zu bringen. Du musst den Bogen richtig führen, die Saite an genau der richtigen Stelle greifen, den Druck dosieren, und selbst dann klingt es am Anfang oft alles andere als schön. Das ist kein Nachteil, es gehört dazu und macht ein Streichinstrument auf lange Sicht unglaublich ausdrucksstark. Aber es ist eine hohe Hürde ganz am Anfang. Am Klavier fällt sie weg, und Du kannst Dich von der ersten Minute an auf das Eigentliche konzentrieren: die Musik.

Am Klavier musst Du keinen schönen Ton erst erkämpfen. Du drückst eine Taste, und die Musik ist schon da.

Ein ganzes Orchester in zehn Fingern

Dazu kommt noch etwas, das ich am Klavier besonders schätze. Es ist eines der wenigen Instrumente, mit denen Du völlig für Dich allein auskommst. Melodie und Begleitung, rechte und linke Hand, alles gleichzeitig. Du kannst ein ganzes Stück vom Anfang bis zum Ende spielen, ohne dass Dir etwas fehlt. Bei vielen anderen Instrumenten ist das anders. Ein Horn oder ein Kontrabass haben zwar ihr eigenes Solo-Repertoire, aber ihre wahre Größe entfalten sie im Zusammenspiel mit anderen. Und ganz praktisch gesehen ist es nicht immer leicht, mal eben Mitspielerinnen und Mitspieler zu finden oder in ein Orchester zu kommen. Am Klavier trägst Du Dein eigenes kleines Orchester quasi in den zehn Fingern mit Dir herum.

Ein Fundament, kein Korsett

Heißt das jetzt, alle sollen Klavier lernen? Nein. Ich wäre der Letzte, der das behauptet, dafür hänge ich viel zu sehr an meinem Cello. Aber wenn Du unsicher bist, wo Du anfangen sollst, oder Deinem Kind einen möglichst schönen Einstieg in die Musik geben möchtest, dann ist das Klavier eine fantastische erste Wahl. Es schenkt Dir schnelle Erfolgserlebnisse und ein solides Verständnis dafür, wie Musik funktioniert. Von diesem Fundament aus stehen Dir später alle Türen offen, auch die zur Geige, zur Trompete oder eben zum Cello.

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Quellen

  1. Ruth, N., & Müllensiefen, D. (2021). Survival of Musical Activities. When Do Young People Stop Making Music? PLOS ONE, 16(11), e0259105. doi.org/10.1371/journal.pone.0259105
  2. McPherson, G. E., & McCormick, J. (2006). Self-efficacy and Music Performance. Psychology of Music, 34(3), 322–336. doi.org/10.1177/0305735606064841