„Er übt einfach nicht." Das ist der Satz, den ich von Eltern am häufigsten höre, meistens mit einem schlechten Gewissen im Gesicht, als hätten sie etwas falsch gemacht. Und beim Üben liegt tatsächlich oft einiges im Argen, aber selten da, wo die meisten es vermuten. Üben ist nämlich eine eigene Fähigkeit. Niemand bringt sie von Geburt an mit, und die wenigsten bekommen sie sauber beigebracht. Also lass uns das mal auseinandernehmen: erst, wie gutes Üben wirklich funktioniert, und danach, was Du als Elternteil tun kannst, wenn es beim Kind gerade hakt.

Lieber jeden Tag ein bisschen als einmal viel

Der klassische Fehler ist der Freitagabend-Crash: Die ganze Woche steht das Instrument still, und am Abend vor dem Unterricht wird auf die Schnelle noch eine Stunde nachgeholt. Das Gehirn arbeitet aber genau andersherum. Bewegungen und Wissen setzen sich fest, wenn sie über mehrere Tage verteilt wiederholt werden, mit Pausen dazwischen, in denen sich das Gelernte sortiert. Die Lernpsychologie nennt das den Verteilungseffekt, und er gehört zu den am besten belegten Befunden des Fachs überhaupt. Eine Auswertung von hunderten Experimenten zeigt, dass verteiltes Lernen demselben Zeitaufwand am Stück klar überlegen ist, besonders wenn es darum geht, etwas langfristig zu behalten.1 Übersetzt: Fünfmal zehn Minuten bringen mehr als einmal fünfzig. Bei Kindern sowieso, aber bei Erwachsenen genauso.

Nicht von vorne, sondern in Abschnitten

Das zweite große Missverständnis: Üben heiße, das Stück von oben bis unten durchzuspielen, und bei jedem Fehler nochmal von vorne. Das fühlt sich fleißig an, ist es aber kaum. Man spielt die leichten Anfangstakte zum zwanzigsten Mal makellos, und die schwierige Stelle in der Mitte bleibt schwierig. Gutes Üben ist unbequemer. Es sucht sich gezielt die Takte, die noch nicht sitzen, nimmt sie einzeln heraus, spielt sie langsam und in kleinen Abschnitten und wiederholt genau die. Der Psychologe Anders Ericsson hat über Jahre erforscht, was starke von durchschnittlichen Musikern trennt, und es war nicht die reine Menge an Übezeit, sondern diese Art von zielgerichtetem Arbeiten an der eigenen Grenze.2 Das strengt mehr an als gemütliches Durchspielen und macht im Moment weniger Spaß. Der Fortschritt danach ist dafür ungleich größer.

Übe nicht, bis Du es einmal richtig kannst. Übe, bis Du es nicht mehr falsch machen kannst.

Ein bisschen System hilft dabei ungemein. Nimm Dir vor der Übeeinheit kurz vor, woran Du heute arbeitest, statt einfach draufloszuspielen. Zwei, drei Takte sauber hinbekommen ist ein besseres Tagesziel als „das ganze Stück üben". Und am Ende einmal im Zusammenhang durchspielen, damit die Teile wieder zueinanderfinden. Klingt nach wenig, verändert aber alles.

Wenn das Kind mal nicht übt

Jetzt zu dem Teil, der Eltern am meisten umtreibt. Wenn ein Kind eine Woche lang nicht geübt hat, steckt fast nie Faulheit dahinter. Meistens ist es das Stück: Etwas, das ein Kind wirklich spielen will, muss man selten zum Üben tragen. Wenn die Motivation fehlt, lohnt sich oft die simple Frage, ob das aktuelle Lied es überhaupt abholt. Genauso häufig ist es schlicht die Zeit. Ein Schulkind hat heute manchmal einen volleren Kalender als so mancher Erwachsene, zwischen Ganztag, Sport und Freundschaften bleibt abends wenig Luft, und dann ist das Instrument das Erste, was hinten runterfällt.

Und dann ist da noch etwas Größeres, das uns alle betrifft. Wir sind das ruhige, geduldige Sich-Vertiefen ein Stück weit am Verlernen. Alles um uns herum ist auf den schnellen Reiz gebaut, auf das nächste Video nach fünfzehn Sekunden. Sich hinzusetzen und zwanzig Minuten an vier Takten zu feilen, läuft dem ziemlich zuwider. Ich glaube nicht, dass Kinder heute weniger können als früher. Aber sie wachsen in einer Welt auf, die das Gegenteil von Üben trainiert, und das sollte man ihnen zugutehalten, statt es ihnen vorzuwerfen.

Motivieren, ohne zu zwingen

Der erste Reflex vieler Eltern ist Druck: feste Übezeiten, Belohnungssysteme, im Zweifel Streit am Klavier. Kurzfristig funktioniert das sogar. Langfristig ist es der zuverlässigste Weg, einem Kind die Musik zu verleiden. Die Motivationsforschung ist da ziemlich deutlich: Kinder und Erwachsene, die aus eigenem Antrieb üben, weil sie wollen und nicht, weil sie müssen, üben nicht nur mehr, sondern auch hochwertiger und mit einer klaren Vorliebe für anspruchsvolleres Material.3 Dieser eigene Antrieb lässt sich fördern. Durch echtes Mitspracherecht bei der Stückauswahl. Durch Interesse statt Kontrolle, also „Spiel mir doch mal vor, was Du diese Woche gelernt hast" statt „Hast Du heute schon geübt?". Und dadurch, dass Fortschritt sichtbar und hörbar wird, weil nichts so motiviert wie das Gefühl, tatsächlich besser zu werden.

Gut sehen kann man das am Vergleich mit sehr strengen Übekulturen, wie es sie etwa in Teilen Asiens gibt. Da wird technisch auf beeindruckend hohem Niveau ausgebildet, und der Fleiß ist enorm. Aber der Preis ist häufig hoch: Viele hören auf, sobald der äußere Druck wegfällt, weil sie nie ihr eigenes Warum gefunden haben. Mir ist ein Kind, das mit dreizehn freiwillig ans Klavier geht, deutlich lieber als eines, das mit zehn perfekt spielt und mit sechzehn nie wieder eine Taste anfasst. Ein bisschen Verbindlichkeit gehört trotzdem dazu, gerade am Anfang, wenn die ersten Erfolge noch klein sind. Die Kunst ist die Dosis: genug Struktur, dass Dranbleiben leichter fällt, aber nicht so viel Druck, dass die Freude erstickt.

Was Dir niemand mehr wegnehmen kann

Und weil wir gerade beim Warum sind, hier meins. Ein Auto kann kaputtgehen. Eine teure Uhr kann geklaut werden. Geld ist morgen vielleicht weniger wert. Aber ein Instrument spielen zu können ist eine Fähigkeit, die Dir gehört und die Dir keiner mehr nimmt. Sie sitzt in Deinen Händen und in Deinem Kopf, und mit den Jahren wird sie nicht weniger, sondern mehr.

Dazu kommt etwas, das sich schwer in Geld aufwiegen lässt. Musik ist eine der direktesten Sprachen für all das, wofür uns sonst die Worte fehlen. Wer ein Instrument beherrscht, hat ein Ventil für Freude, für Frust, für Trauer, für alles dazwischen. Und man lernt dabei ein Stück weit sich selbst kennen, weil man hört, wie man klingt, wenn man ehrlich spielt. Das ist am Ende das, was ich meinen Schülern wirklich mitgeben möchte, hinter allen Tonleitern und Übetechniken. Nicht das perfekte Vorspiel, sondern eine Sache, die ein Leben lang trägt.

Und das Üben? Das ist nur der Weg dahin. Wenn man einmal begriffen hat, wie es funktioniert, wird aus der lästigen Pflicht überraschend schnell die schönste halbe Stunde des Tages. Genau dahin wollen wir bei der ARTIQ Musikschule in Mainz-Finthen mit jedem Schüler, egal in welchem Alter.

Quellen

  1. Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T., & Rohrer, D. (2006). Distributed Practice in Verbal Recall Tasks: A Review and Quantitative Synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354–380. doi.org/10.1037/0033-2909.132.3.354
  2. Ericsson, K. A., Krampe, R. Th., & Tesch-Römer, C. (1993). The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review, 100(3), 363–406. doi.org/10.1037/0033-295X.100.3.363
  3. Evans, P., & Bonneville-Roussy, A. (2016). Self-determined Motivation for Practice in University Music Students. Psychology of Music, 44(5), 1095–1110. doi.org/10.1177/0305735615610926