Kaum eine Frage steckt so voller Sorge wie diese. Dahinter steht meistens der Gedanke: Was, wenn mein Kind einfach nicht dafür gemacht ist? Wenn wir Zeit und Geld investieren und am Ende doch nur Frust dabei herauskommt? Ich verstehe das gut, und deshalb möchte ich ehrlich antworten. Ehrlich heißt hier: Ich werde Talent weder zum Wundermittel erklären noch so tun, als gäbe es das gar nicht. Beides wäre gelogen. Die Wahrheit liegt dazwischen, und sie ist ermutigender, als die meisten denken.

Woher die Frage kommt

Talent wird oft behandelt wie eine geheime Aufnahmeprüfung. Als gäbe es Kinder, die den Stempel bekommen haben, und andere, die leer ausgehen, und als müsste man das vorher wissen, bevor man überhaupt anfängt. Genau da liegt der Denkfehler. Kein Kind muss sich für Musik erst qualifizieren. Die Frage ist nicht, ob dein Kind gut genug ist, um anzufangen, sondern ob es Lust hat, es herauszufinden. Und dieses Herausfinden ist der eigentliche Anfang, nicht das Ergebnis einer Prüfung.

Ja, Talent gibt es wirklich

Trotzdem will ich Talent nicht wegreden, denn es ist keine Einbildung. Manche Kinder haben von Anfang an ein feines Gehör, ein sicheres Rhythmusgefühl oder Finger, die schneller mitmachen. Das ist real, und die Wissenschaft bestätigt es. Große Zwillingsstudien haben gezeigt, dass ein Teil der musikalischen Veranlagung tatsächlich in den Genen liegt, und interessanterweise sogar ein Stück weit die Neigung, überhaupt gern zu üben.1 Wenn dein Kind so einen Vorsprung mitbringt, ist das ein Geschenk, und du darfst dich daran freuen. Ich möchte nur, dass Du weiterliest, denn dieser Vorsprung ist erst das erste Kapitel, nicht die ganze Geschichte.

Aber es ist keine Eintrittskarte

Ein Vorsprung ist eben kein Tor, das sich nur für manche öffnet. Forscherinnen und Forscher, die die Idee vom angeborenen Talent genau untersucht haben, kamen zu einem klaren Schluss: Ein großer Teil dessen, was wir schnell als Talent abstempeln, geht in Wahrheit auf frühe Gelegenheiten, Ermutigung, Übung und das richtige Umfeld zurück.2 Talent öffnet die erste Tür vielleicht etwas leichter. Aber es entscheidet nicht, wer am Ende hindurchgeht. Ich habe Kinder erlebt, die in den ersten Stunden alles andere als „musikalisch" wirkten und später aufgeblüht sind, und ich habe sogenannte Naturtalente gesehen, die das Instrument nach ein paar Monaten nie wieder angefasst haben.

Was am Ende wirklich zählt

Wenn Talent also nicht den Ausschlag gibt, was dann? An erster Stelle die Übung, und zwar deutlich. Über viele Studien hinweg lässt sich zeigen, dass allein die Frage, wie viel jemand übt, in der Musik rund ein Fünftel der Unterschiede in der Spielleistung erklärt.3 Das ist eine Menge. Gleichzeitig ist selbst die Übung nicht die ganze Wahrheit, und das finde ich fast befreiend, weil es bedeutet: Es gibt nicht die eine fehlende Zutat, die ein Kind entweder hat oder eben nicht. Beim genauen Mischungsverhältnis aus Anlage und Fleiß ist sich die Forschung bis heute nicht einig.

Was den Ausschlag dann oft gibt, ist etwas Leiseres. Der beste Vorhersagewert dafür, wie gut ein Kind am Ende spielt, ist nämlich sein Zutrauen zu sich selbst, also der Glaube, es schaffen zu können.4 Dazu kommt das schlichte Dranbleiben. Denn das ist die eigentlich harte Zahl: Rund die Hälfte der jungen Menschen hört wieder mit dem Musizieren auf, bevor sie erwachsen sind.5 Das Kind, das einfach weitermacht, überholt das „begabte" Kind, das aufgehört hat, ganz von selbst.

Talent entscheidet vielleicht, wer am schnellsten anfängt. Wer am Ende noch spielt, entscheidet etwas ganz anderes.

Die bessere Frage

Deshalb drehe ich die Frage am Telefon meistens sanft um. Statt „Hat mein Kind Talent?" ist die hilfreichere Frage: „Hat mein Kind Freude daran, und möchte es dranbleiben?" Der Unterschied ist entscheidend. Auf Talent kannst Du nur warten und hoffen. Auf die Freude aber kannst Du wirklich Einfluss nehmen, mit dem passenden Stück, ein bisschen Geduld und jemandem, der den Funken sieht und ihn nicht gleich abprüft. Freude ist der Motor. Wie das Üben dann leichter von der Hand geht, habe ich übrigens im Artikel übers richtige Üben beschrieben.

Bei uns gibt es keine Aufnahmeprüfung

Einen Punkt möchte ich Dir noch mitgeben, weil er vielen Eltern die Sorge nimmt. Bei der ARTIQ Musikschule in Mainz-Finthen prüfen wir niemanden vorher auf Talent. Es gibt kein Vorspielen, kein „mal sehen, ob was dran ist". Jedes Kind fängt einfach an und bekommt die Chance herauszufinden, ob der Funke da ist. Meine Aufgabe als Lehrer ist es, dabei zu helfen, dass er überspringt. Ob am Anfang ein Vorsprung da war oder nicht, spielt dabei erstaunlich schnell keine Rolle mehr. Und falls Du Dir noch unsicher bist, ob überhaupt das Klavier das Richtige ist, findest Du hier meine Gedanken zur Instrumentenwahl.

Quellen

  1. Mosing, M. A., Madison, G., Pedersen, N. L., Kuja-Halkola, R., & Ullén, F. (2014). Practice Does Not Make Perfect. No Causal Effect of Music Practice on Music Ability. Psychological Science, 25(9), 1795–1803. doi.org/10.1177/0956797614541990
  2. Howe, M. J. A., Davidson, J. W., & Sloboda, J. A. (1998). Innate Talents. Reality or Myth? Behavioral and Brain Sciences, 21(3), 399–407. doi.org/10.1017/S0140525X9800123X
  3. Macnamara, B. N., Hambrick, D. Z., & Oswald, F. L. (2014). Deliberate Practice and Performance in Music, Games, Sports, Education, and Professions. A Meta-Analysis. Psychological Science, 25(8), 1608–1618. doi.org/10.1177/0956797614535810
  4. McPherson, G. E., & McCormick, J. (2006). Self-efficacy and Music Performance. Psychology of Music, 34(3), 322–336. doi.org/10.1177/0305735606064841
  5. Ruth, N., & Müllensiefen, D. (2021). Survival of Musical Activities. When Do Young People Stop Making Music? PLOS ONE, 16(11), e0259105. doi.org/10.1371/journal.pone.0259105