„Eigentlich wollte ich immer Klavier spielen, aber dafür bin ich jetzt wohl zu alt." Diesen Satz höre ich seit über zehn Jahren Unterricht häufig. Von Leuten mit 35, mit 50, mit 68. Und fast immer sitzt die Person vier Wochen später am Klavier und fragt sich, warum sie nicht früher angefangen hat.

Die kurze Antwort: nein

Dein Gehirn ist mit der Kindheit nicht fertig gebaut. Es bildet ein Leben lang neue Verbindungen zwischen Nervenzellen, Fachleute nennen das Neuroplastizität. Jede neue Bewegung, die Du übst, jede Melodie, die Du wiederholst, hinterlässt Spuren im Gehirn, mit sechs Jahren genauso wie mit sechzig. Der Neurologe Gottfried Schlaug hat das über Jahre am Beispiel von Musikern untersucht: Musizieren gehört zu den intensivsten Trainingsreizen fürs Gehirn überhaupt, weil dabei Hören, Sehen, Fühlen und Bewegen gleichzeitig zusammenarbeiten.1 Der Mythos vom verpassten Zeitfenster hält sich hartnäckig, stimmt aber nicht. Erwachsene lernen ein Instrument anders als Kinder, nicht schlechter.

Warum Erwachsene oft schneller vorankommen, als sie denken

Wenn ein Kind und ein Erwachsener am selben Tag anfangen, passiert etwas Interessantes: Das Kind hat oft das bessere Gehör und weniger Hemmungen. Der Erwachsene bringt dafür Werkzeuge mit, die einem Kind noch fehlen. Du verstehst, warum ein Akkord so klingt, wie er klingt, und musst nicht alles blind auswendig lernen. Du hörst selbst, wann etwas noch nicht sitzt, und kannst gezielt daran arbeiten. Und vor allem: Niemand schickt Dich zum Unterricht. Du bist da, weil Du es willst, und das ist der stärkste Motor, den es gibt.

Das ist keine aus der Luft gegriffene Behauptung. In einer Studie übten Erwachsene über 60 sechs Monate lang wöchentlich Klavier, ohne vorher je ein Instrument gespielt zu haben. Danach zeigten sich messbare Verbesserungen bei Arbeitsgedächtnis und Planungsfähigkeit, den sogenannten exekutiven Funktionen.2 Was Kindern an Zeit voraus ist, holst Du über Kopf und Motivation locker wieder rein.

Ich hab noch niemanden erlebt, der bereut hat, angefangen zu haben. Nur Leute, die bereuen, dass sie zehn Jahre gewartet haben.

Klavier lernen mit 40, 50 oder 60: was wirklich anders ist

Ehrlich gesagt geht es selten ums Alter. Es geht um Zeit und Erwartung. Als Erwachsener hast Du meist weniger Wochenstunden zum Üben als ein Schulkind in den Ferien, dafür nutzt Du die Zeit, die Du hast, bewusster. Der häufigste Fehler ist nicht das späte Anfangen, sondern die falsche Erwartung. Wer nach vier Wochen klingen will wie ein Konzertpianist, wird enttäuscht. Wer sein erstes Stück bis zum Ende durchspielen will, schafft das fast immer. Und genau der Moment, in dem zum ersten Mal echte Musik unter den eigenen Händen entsteht, ist der, der hängen bleibt.

Der einzige echte Unterschied: Dein Warum

Kinder lernen oft, weil ihre Eltern es wollen. Du lernst, weil Du es willst, als Ausgleich zum Kopf-Job vielleicht, als alter Traum, oder einfach, weil Du mal wieder etwas nur für Dich machen willst. Dieses Warum trägt Dich über die zähen Wochen, in denen jemand, dem eine ausreichende Motivation fehlt, vielleicht aufgeben würde, und ist am Ende Dein größter Vorteil.

Musik als Training fürs Gehirn, nicht nur als Hobby

Was für gesunde Erwachsene ein schöner Nebeneffekt ist, kann für andere noch mehr bedeuten. In der Forschung zur Reha nach neurologischen Erkrankungen taucht Musik immer wieder auf. Eine finnische Studie mit Schlaganfallpatienten fand, dass tägliches Musikhören in den ersten Monaten danach Gedächtnis und Aufmerksamkeit stärker verbesserte als Hörbücher oder gar nichts.3 Aktives Musizieren wie Klavierspiel geht noch weiter, weil dabei Hören, Sehen und die Feinmotorik der Finger gleichzeitig gefordert werden.

Ich hatte in den letzten Jahren mehrfach Schülerinnen und Schüler, die nach einem gesundheitlichen Einschnitt bewusst mit dem Klavier angefangen oder wieder eingestiegen sind, nicht in erster Linie um ein Konzert zu spielen, sondern um Konzentration und Koordination zurückzugewinnen. Das braucht auf beiden Seiten Geduld. Aber genau da sehe ich im Unterricht oft die deutlichsten Fortschritte, ein Klavier ersetzt keine Physio- oder Ergotherapie, aber als zusätzliches Werkzeug wird es meiner Erfahrung nach oft unterschätzt.

Wie wir bei ARTIQ mit späten Anfängern arbeiten

Bei uns in der ARTIQ Musikschule in Mainz-Finthen gibt es keinen festen Lehrplan, den alle im gleichen Tempo durchlaufen. Der Unterricht ist wöchentlicher Einzelunterricht, und ich hole Dich da ab, wo Du stehst, egal ob Du noch nie eine Taste angefasst hast oder vor dreißig Jahren aufgehört hast.

Unterrichtet wird im Tonstudio statt im klassischen Überaum. Das heißt, Du kannst Deine Fortschritte aufnehmen und über die Zeit tatsächlich hören, wie viel sich getan hat, gerade als Erwachsener ein guter Beweis dafür, dass es vorangeht. Wer nicht aus Mainz kommt oder wenig Zeit hat, kann den Unterricht auch online nehmen.

Du musst Dich auch nicht gleich langfristig binden. Im Probemonat nimmst Du einen Monat lang Unterricht und entscheidest danach in Ruhe, ob es passt, ganz ohne Vertrag.

Also: zu alt? Das gibt es beim Musikmachen praktisch nicht.

Quellen

  1. Wan, C. Y., & Schlaug, G. (2010). Music Making as a Tool for Promoting Brain Plasticity across the Life Span. The Neuroscientist, 16(5), 566–577. doi.org/10.1177/1073858410377805
  2. Bugos, J. A., Perlstein, W. M., McCrae, C. S., Brophy, T. S., & Bedenbaugh, P. H. (2007). Individualized Piano Instruction Enhances Executive Functioning and Working Memory in Older Adults. Aging & Mental Health, 11(4), 464–471. doi.org/10.1080/13607860601086504
  3. Särkämö, T., et al. (2008). Music Listening Enhances Cognitive Recovery and Mood after Middle Cerebral Artery Stroke. Brain, 131(3), 866–876. doi.org/10.1093/brain/awn013