Über dem Klavier in unserem Unterrichtsraum hängen zwei Mikrofone. Die meisten, die zum ersten Mal reinkommen, schauen kurz nach oben und fragen sich, wozu die gut sind. Die Antwort ist einer der schönsten Teile meines Unterrichts, und ehrlich gesagt etwas, das ich so bei kaum einer anderen Musikschule kenne.
Warum mir das so am Herzen liegt, hat mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich stehe nicht nur als Lehrer am Klavier, ich habe selbst auf großen Bühnen gespielt. Mit meinem musikalischen Partner Philipp Leon war ich als Pianist Vorband von Künstlern wie LEA, Adel Tawil und Madeline Juno, vor teils rund 5.000 Menschen. Und ich sage Dir ganz ehrlich: Lampenfieber kenne ich nicht aus dem Lehrbuch, sondern von innen. Kurz bevor es losging, hatte ich genau die feuchten Hände und den viel zu schnellen Puls, die ich heute bei meinen Schülerinnen und Schülern wiedererkenne. Deshalb weiß ich auch, was dagegen wirklich hilft.
Zwei Mikrofone über dem Klavier
Unser Unterricht findet nicht im klassischen Überaum statt, sondern in einem echten Tonstudio. Und immer dann, wenn ein Stück wirklich schön und richtig gut klingt, drücke ich auf Aufnahme, vorausgesetzt, die Schülerin oder der Schüler möchte das. Kein großes Tamtam, kein festes Programm. Einfach zwischendurch, wenn der Moment stimmt. Aus einer ganz normalen Unterrichtsstunde wird so für ein paar Minuten eine kleine Aufnahmesession.
Warum eine Aufnahme alles verändert
Sobald die Aufnahme läuft, passiert etwas mit dem Spiel. Plötzlich zählt es. Es ist nicht mehr das lockere Üben, bei dem ein Patzer egal ist, sondern ein Moment, in dem alles sitzen soll: die Töne, das Timing, die Ruhe in den Händen. Das ist im Grunde genau die Situation, die man von einem Auftritt kennt. Und jetzt kommt das Schöne daran: Wenn es nicht klappt, machen wir es einfach nochmal. Kein Publikum, das enttäuscht guckt, keine einmalige Chance, die vorbei ist. Nur ein weiterer Take.
Bei einer Aufnahme muss alles stimmen. Und wenn nicht, macht man es eben nochmal. Genau das ist das Schöne daran.
Für mich fühlt sich jede dieser Aufnahmen ein bisschen an wie ein Konzert. Diese besondere Auftrittsspannung lässt sich damit fast wiederherstellen, nur eben in einem geschützten Raum, in dem Fehler ausdrücklich erlaubt sind. Man bekommt das Beste aus beiden Welten: den Ernst einer echten Aufführung und die Sicherheit, dass nichts kaputtgehen kann.
Der beste Trick gegen Lampenfieber
Und genau da liegt der vielleicht größte Vorteil. Lampenfieber ist kein Anfängerproblem, das sich mit der Zeit von selbst auswächst. Es trifft sogar Berufsmusikerinnen und Berufsmusiker massiv. Übersichtsstudien schätzen, dass zwischen 16 und 60 Prozent der professionellen Musikerinnen und Musiker darunter leiden.1 Das Beruhigende ist: Man kann etwas dagegen tun, und zwar nicht durch tiefes Durchatmen oder gutes Zureden, sondern durch Gewöhnung. Wer sich immer wieder in kleine Auftrittssituationen begibt, bei dem sinkt die Anspannung nachweislich. In einer Studie mit Musikern gingen schon nach wenigen wiederholten Auftritten Herzschlag, Unruhe und sogar die Zahl der Spielfehler deutlich zurück.2
Bei mir war es damals nichts anderes. Was vor diesen großen Auftritten wirklich geholfen hat, war nicht das gute Zureden, sondern die schiere Wiederholung: einmal, zweimal, zwanzigmal in diese Situation gehen, bis der Körper irgendwann begreift, dass er nicht in Gefahr ist. Eine Aufnahme im Unterricht ist genau so eine kleine, sichere Auftrittssituation. Wer gelernt hat, mit laufendem Mikrofon ruhig zu bleiben und trotzdem sein Bestes zu spielen, den bringt später auch ein echtes Vorspiel, eine Prüfung oder die Feier bei den Großeltern nicht mehr so leicht aus der Fassung. Man trainiert nicht nur die Finger, sondern auch die Nerven.
Was am Ende davon bleibt
Neben dem Lampenfieber gibt es noch ein paar Dinge, die ich an diesen Aufnahmen liebe. Erstens sind sie das ehrlichste Feedback überhaupt. Man hört sich zum ersten Mal so, wie man wirklich klingt, und nicht so, wie man sich beim Spielen gefühlt hat.
Zweitens wachsen die Aufnahmen mit der Zeit zu einer Art Tagebuch zusammen. Wenn Du die erste Aufnahme vom Sommer mit der von letzter Woche vergleichst, hörst Du schwarz auf weiß, wie weit Du gekommen bist. Nichts motiviert mehr als dieser Beweis, dass sich die Mühe lohnt. Und drittens bleibt am Ende einfach etwas übrig. Kein flüchtiger Unterrichtsmoment, sondern eine echte Aufnahme Deines eigenen Stücks, die Du verschicken, aufheben oder in zehn Jahren noch einmal anhören kannst. Viele fangen dadurch an, sich zum ersten Mal wie richtige Musikerinnen und Musiker zu fühlen, und dieses Gefühl trägt weiter als jedes Lob.
Ein Angebot, kein Muss
Eins ist mir dabei wichtig: Niemand muss hier irgendetwas aufnehmen. Es ist ein Angebot, kein Programmpunkt. Wer einfach nur spielen und lernen möchte, tut genau das, völlig in Ordnung. Aufgenommen wird nur, wenn die Schülerin oder der Schüler es ausdrücklich will, und bei Kindern selbstverständlich nur mit dem Einverständnis der Eltern. Das Ganze soll ein schönes Extra sein, kein Druckmittel.
Am Ende ist es genau so eine Kleinigkeit, die den Unterschied macht. Zwei Mikrofone, ein Knopf, und aus einer Übungsstunde wird ein kleiner Auftritt, den Du behalten darfst. Genau das unterscheidet den Unterricht in einem echten Tonstudio von einem gewöhnlichen Überaum. Wenn Du erleben willst, wie sich das anfühlt, komm einfach zu uns in die ARTIQ Musikschule in Mainz-Finthen.
Quellen
- Fernholz, I., Mumm, J. L. M., Plag, J., Noeres, K., Rotter, G., Willich, S. N., et al. (2019). Performance Anxiety in Professional Musicians: A Systematic Review on Prevalence, Risk Factors and Clinical Treatment Effects. Psychological Medicine, 49(14), 2287–2306. doi.org/10.1017/S0033291719001910
- Candia, V., Kusserow, M., Margulies, O., & Hildebrandt, H. (2023). Repeated Stage Exposure Reduces Music Performance Anxiety. Frontiers in Psychology, 14, 1146405. doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1146405